Mittwoch, 13. März 2013

Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir


Diesen Spruch habe ich als Pennäler ernsthaft bezweifelt und ihn umgedichtet: "Nicht für das Leben, sondern für das Abitur lernen wir." Ich war davon überzeugt, daß ich das meiste von dem, was mir da an Unterrichtsstoff vermittelt wurde, später nie wieder brauchen würde. Das hat sich in meinem weiteren Leben als richtig erwiesen.

Als ich gestern auf dem Weg zur Arbeit darüber nachdachte, was und wie viel ich an der altehrwürdigen Theodor-Mommsen-Schule in Bad Oldesloe an wirklich Nützlichem gelernt habe, da war denn auch mein erster Gedanke: herzlich wenig. Das liegt nicht zuletzt an unserem verkopften deutschen Bildungssystem: Zwei der wichtigsten Dinge, die jeder Mensch braucht, konnte ich zumindest damals nicht am Gymnasium lernen: Auto fahren und Schreibmaschine schreiben. Letzteres kann ich immer noch nicht und werde bis an mein Lebensende alle meine Texte mit zwei Fingern in die Tastatur prügeln.

Aber ich will nicht ungerecht sein: Das Abitur muß eine breite Wissensbasis sein, auf die alle weiteren Bildungsmaßnahmen wie z.B. Studium aufbauen können. Das haben mir damals meine Lehrer schon gesagt, aber ich war zu unreif, um das akzeptieren zu können. 

Und überhaupt: Spätestens, seit in Haiti jeweils im Spätsommer viele Kinder zu uns kamen und uns baten, ihnen für das kommenden Schuljahr das Schulgeld zu spenden, bin ich dankbar, eine insgesamt gute, kostenlose Schulbildung genossen zu haben.

Als ich weiter darüber nachdachte, fielen mir noch mehr wertvolle Dinge ein, die ich als Gymnasiast gelernt habe:

Ich denke dabei vor allem an die Fremdsprachen. Was habe ich geschimpft darüber, daß ich Latein lernen mußte! Und dann habe ich dadurch im Theologiestudium ein Semester gespart. Die englische Sprache dagegen habe ich von Anfang an geliebt. Sie hatte auch den großen Vorteil, so einfach zu sein, daß ich sie dank meiner Sprachbegabung ziemlich mühelos lernen konnte. Überflüssig, zu sagen, daß mir diese Kenntnisse seitdem immer wieder sehr zugute gekommen sind. Beruflich brauche ich sie derzeit weniger, aber ich genieße es, englische Bücher zu lesen. Französisch mochte ich als Pennäler überhaupt nicht, weil hier doch mehr Fleiß nötig gewesen wäre (und ich war stinkfaul damals!), u.a. wegen der komplizierteren Grammatik. Umso erstaunter war ich, als ich Jahre später an einer französischen Sprachschule bei einem Test in die oberste Klasse eingestuft wurde - da war doch mehr hängengeblieben, als ich gedacht hatte! Und seither liebe ich diese Sprache wegen ihrer Schönheit noch mehr als die englische. Unseren beiden - glücklicherweise ebenfalls sprachbegabten - Söhnen habe ich immer wieder gesagt: Gebt Euch viel Mühe mit den Sprachen - Ihr lernt sie nie so leicht und billig wie an der Schule!

Ich denke aber auch an allgemeinere Dinge wie das Demokratieverständnis. Als ich 1963 eingeschult wurde am Gymnasium, da war die Nachkriegsdemokratie in der damaligen Bundesrepublik ja gerade erst vierzehn Jahre alt. Aber ich habe doch eine gute Vorstellung vermittelt bekommen von dem, wie eine Demokratie funktioniert bzw. funktionieren sollte, was Menschenrechte sind und wie wertvoll die Freiheit ist. 

Die Fähigkeit, logisch zu denken, scheint uns eine Selbstverständlichkeit zu sein. Aber als ich es in Haiti als theologischer Lehrer mit Studenten zu tun hatte, die eine sehr schlechte Bildung genossen hatten, wurde ich eines Besseren bzw. eines Schlechteren belehrt. Wesentliches vom Unwesentlichen zu unterscheiden, hatten sie beispielsweise nicht gelernt. Und um eine ihrer Meinung nach falsche Auslegung eines bestimmten Bibelverses zu widerlegen, meinten sie, es genüge, eben diesen Vers noch einmal vorzulesen. Und als zum ersten Mal ein Student es wagte, mir im Unterricht zu widersprechen, und das sogar mit einem guten Argument, da habe ich das als einen großen Erfolg verbucht. Das alles hatte ich schon als Teenager am Gymnasium lernen dürfen!

Das Fach "Geschichte" hat mich als Pennäler nur selten interessiert. Das lag sicher zu einem guten Teil an der trockenen Darbietung des Unterrichtsstoffes. Aber mindestens ebenso sehr an meiner Unreife. Je älter ich werde, desto größer wird mein Nachholbedarf auf diesem Gebiet.

Was mir die ersten vier Jahre an der TMS zur Hölle gemacht hat, war ein Klassenlehrer, der mich nicht leiden konnte und mir das immer wieder deutlich im Unterricht gesagt hat sowie keine Gelegenheit ausgelassen hat, mich zu demütigen. Das hat mich auch danach noch viele Jahre und Jahrzehnte hindurch belastet. Aber davon abgesehen, bin ich eigentlich doch recht dankbar für meine Schulzeit.

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