Samstag, 23. März 2013

Wer sich Gelassenheit wünscht, muß loslassen

Sprache und Sprachen haben mich schon immer fasziniert. Ich habe deshalb auch ein kleines Buch veröffentlich über Entwicklungen meiner Muttersprache, die ich beobachtet habe: "Ich sach ma - Wie entwickelt sich die deutsche Sprache?" (Amazon Kindle E-Book Bestell-Link). Es lohnt sich, z.B. bei Wörtern genau hinzuschauen bzw. hinzuhören - so bin ich u.a. auf den logischen Zusammenhang zwischen "Gelassenheit" und "Loslassen" gekommen. In beiden Ausdrücken steckt das Verb "lassen". Was uns oft so verkrampft und verbissen macht, ist doch, daß wir uns an Dingen festklammern und so zu ihren Sklaven und Gefangenen werden.

Aber "loslassen" ist sehr viel leichter gesagt als getan. Das Festhalten ist uns angeboren, das Loslassen dagegen müssen wir erst mehr oder weniger mühsam lernen. Halten Sie mal einem winzigen Säugling einen Finger hin - er wird ihn ergreifen und festhalten; das tut er ganz instinktiv. Das ist ja auch notwendig, denn um festen Halt zu haben, müssen wir uns festhalten. 

Nur kann man es natürlich auch übertreiben mit dem Festhalten. Manche Mutter lernt es ihr ganzes langes Leben lang nicht, die seelische Nabelschnur zu ihrem Sohn zu durchschneiden. Und so macht sie ihn zum Muttersöhnchen. Oder, wenn er sich das nicht gefallenläßt, dann kommt es zu ewigen Konflikten: Die Mutter ist schwer enttäuscht von ihrem angeblich undankbaren Sprößling, der seine aufopferungsvolle Mutter so schmählich vernachlässigt. Und der Sohn fühlt sich von ihr bevormundet, ausgenutzt und wenn schon nicht unterdrückt, so doch unter Druck gesetzt (was schon sprachlich fast dasselbe ist), z.B., indem sie ihm ständig ein schlechtes Gewissen macht.

Man kann kaum zu früh anfangen damit, seine Kinder loszulassen. Meine Frau und ich haben die Einschnitte im Leben unserer Söhne ganz bewußt dazu genutzt: beispielsweise den ersten Tag im Kindergarten. Oder als die kleinen Pökse zum ersten Mal allein den weiten Weg zur Schule gegangen sind. Zuerst malte man sich aus, was ihnen unterwegs alles passieren konnte. Und dann machte man sich klar, daß man sie unmöglich ihr Leben lang vor allen Gefahren bewahren kann. Und befahl sie der Bewahrung des allmächtigen Gottes an. Dann kam der Beginn an der weiterführenden Schule und ein noch weiterer Weg dorthin, dann Lehre und Studium. Bei jedem Schritt in die Selbständigkeit haben wir sie wieder ein Stück mehr losgelassen. Als dann der Ältere der beiden in seine eigene Wohnung zog, haben wir uns mit ihm gefreut. Und auch wenn der Jüngere einmal das Elternhaus verläßt, werden wir garantiert nicht am "Leeres-Nest-Syndrom" leiden, sondern es genießen, wieder nur noch füreinander und miteinander dazusein.

Derzeit bereiten wir uns auf den nächsten Umzug vor, denn wir werden bald aus finanziellen Gründen  in eine wesentlich kleinere Wohnung ziehen müssen. Ich habe schon fast ein ganzes Regal theologischer Fachbücher entsorgt. Das fällt einem Theologen natürlich nicht leicht. Aber seitdem ich mich dazu durchgerungen habe, ist es überhaupt kein Problem mehr für mich. Ich werde sowieso nicht mehr als Pastor arbeiten und brauche deshalb nur noch diejenigen Bücher, die für die (ehrenamtliche) Predigtvorbereitung notwendig sind. Alles andere kann weg, und ich empfinde diesen Prozeß als große Erleichterung. Das Marschgepäck wird leichter, und irgendwann muß ich doch sowieso alles hergeben! Das letzte Hemd hat keine Taschen, und das ist gut so, denn alles Materielle, was wir in den Himmel mitnehmen würden, würde dort nur zu einer großen Umweltverschmutzung führen, denn da wäre es nur noch Müll.

Loslassen ist die hohe Schule der Lebenskunst, und ich finde es spannend und bereichernd, es zu lernen und zu praktizieren.

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