Montag, 1. April 2013

Kè sansib

Diese Überschrift verstehen Sie wahrscheinlich nicht. Es sei denn, Sie sind Haitianer oder haben, wie ich, die eigentliche Landessprache Haitis, Kreolisch gelernt. Sie ist nicht gerade dazu geeignet, komplizierte Sachverhalte präzise auszudrücken, wie die französische Sprache. Aber sie ist wunderbar anschaulich, wenn es um Gefühle geht. Den Ausdruck "kè sansib" benutzt die kreolische Bibel für das Wort "Barmherzigkeit". Er bedeutet "empfindsames Herz". Also nicht oberflächliches, oft herablassendes Mitleid, das ohne Folgen bleibt. Sondern die Fähigkeit und Bereitschaft, das Leiden Anderer zu verstehen, nachzuempfinden und sich zueigenzumachen. Und daraus die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen.

Heute vormittag habe ich eine Andacht über den Wochenspruch für die nächste Woche geschrieben, und dabei habe ich diesen Ausdruck wieder in der haitianischen Bibel gelesen. Ich zitiere ihn hier nach einer modernen deutschen Übersetzung:

Gepriesen sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus! In seinem großen Erbarmen hat er uns wiedergeboren und uns mit einer lebendigen Hoffnung erfüllt (1. Petrus 1, 3).

Hier die kreolische Version (es ist, glaube ich, noch die alte Rechtschreibung - die neue kann ich kaum lesen, geschweige denn verstehen):

Ann fè lwanj Bondye, Papa Jezikri, Seyè nou an. Paske, nan kè sansib li, li ban nou lavi ankò.

Mir scheint die Übersetzung "Barmherzigkeit" zu schwach und zu wenig emotional zu sein. Barmherzigkeit kann bedeuten, daß ich eine Not erkenne und beschließe, etwas dagegen zu tun, weil es eben im wahrsten Sinne des Wortes not-wendig ist und getan werden muß. Aber es berührt mein Herz nicht. Wenn ich dagegen ein "kè sansib" habe, dann wühlt die Not mich innerlich auf, und ich leide mit den Leidenden mit. 

Übrigens: Wenn  in unserer Bibel in den Evangelien über Jesus gesagt wird, daß Ihm etwas durchs Herz ging, dann steht da in der haitianischen Bibel "kè li fè-l mal" - das Herz tat Ihm weh. Jesus nachfolgen bedeutet unter anderem, Ihm ähnlicher zu werden - auch in dieser Hinsicht. Deshalb sagt Paulus:

Freut euch mit denen, die sich freuen; weint mit denen, die weinen (Römer 12, 15).

Kannst Du das? Früher konnte ich es absolut nicht. Ich habe jahrelang um diese Fähigkeit gebetet. Als ich dann zum ersten Mal über das Leid anderer Menschen weinte, da hatte ich vorher selbst Schweres durchgemacht. Deshalb warne ich Dich vor diesem Gebet, denn seine Erhörung kann uns einen hohen Preis kosten. Aber den ist es wert. Selbst wohlmeinende Worte können einen leidenden und bzw. oder trauernden Menschen verletzen. Wie wohltuend ist es, wenn wir statt dessen schweigend mit ihm weinen!

Ein kleiner Junge sah, wie sein Nachbar, ein alter Mann, in seinem Hof saß und weinte. Von den Eltern erfuhr er, daß der gerade kürzlich seine Frau verloren hatte. Da ging der Junge zu ihm hinüber, setzte sich auf seinen Schoß und kam nach einer Weile wieder zurück. Gefragt, was er da drüben gemacht habe, sagte er: "Ich habe dem Mann weinen geholfen." Der Junge hatte, was den meisten Erwachsenen fehlt: ein kè sansib.


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