Samstag, 13. April 2013

Was ist Gewalt?

Als ich in den Achtzigerjahren den Gandhi-Film sah (mit dem großartigen Ben Kingsley in der Hauptrolle), wurde mir schlagartig klar, daß seine "Gewaltlosigkeit" in Wirklichkeit keine war. Natürlich hat er niemanden verletzt oder bedroht mit seinen Sitzblockaden und anderen Aktionen, aber er hat doch - natürlich zu Recht - der britischen Kolonialmacht seinen Willen aufgezwungen. Und das ist meines Erachtens auch schon Gewalt.

Deshalb ist auch das Gerede von gewaltloser Erziehung Illusion. Kein Kind wird immer das tun, was die Eltern von ihm wollen, ohne, daß Zwang ausgeübt wird. Und der beginnt nicht mit Schlägen. Liebesentzug, unnötige Demütigungen, Ignorieren, Herunterputzen, tagelanges Schweigen usw. sind Maßnahmen, die viel schlimmer sein können als ein Klaps auf den Po. Und vor allem sind sie ebenso Formen der Gewalt, nur subtiler und von Außenstehenden meist unbemerkt: Blaue Flecken von körperlichen Mißhandlungen sind kaum übersehbar - Verletzungen der zarten, empfindsamen Kinderseelen dagegen schon. Aber als Vater zweier erwachsener Söhne weiß ich aus Erfahrung: Man kann kein Kind erziehen ohne Zwang, und Zwang ist Gewalt.

Damit habe ich schon im Wesentlichen gesagt, was ich unter Gewalt verstehe: Zwang. Gewalt bedeutet, jemandem seinen Willen aufzuzwingen; jemand dazu zu zwingen, etwas zu tun, was er nicht will, oder etwa zu unterlassen, was er tun will. Wobei Gewalt noch intensiver, massiver, direkter und eben oft auch, wenn auch nicht zwangsläufig, körperlich übergriffig ist. Gewalt ist ein grober Eingriff in die persönliche Freiheit des Betroffenen.

Was auch oft übersehen wird, was aber das Beispiel der Kindererziehung zeigt, ist, daß Gewalt nicht immer nur negativ gesehen werden muß. Ohne staatliche Gewalt würde Anarchie herrschen. Ein Autofahrer, der einen Fußgänger auf einem Zebrastreifen gefährdert, weil er ihn fast oder tatsächlich an- oder überfährt, wird u.a. mit einem Jahr Führerscheinentzug bestraft. Und das ist richtig so - sonst wären Fußgänger im Straßenverkehr bald Freiwild.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen