Mittwoch, 8. Mai 2013

Der fromme Fröhlichkeitswahn

"Immer fröhlich, immer fröhlich,
alle Tage Sonnenschein.
Voller Schönheit ist der Weg des Lebens,
fröhlich laßt uns immer sein!"

Dieses Lied mochte ich schon als Kind nicht, wenn wir es im Kindergottesdienst (bei uns nannte man das "Sonntagsschule", was es für mich nicht gerade attraktiv machte - die Schule in der Woche war schon schlimm genug!). Ich sah schon damals keinen Grund dafür, immer fröhlich zu sein. Und daß alle Tage Sonnenschein sein sollte, war und ist natürlich Quatsch - sowohl wörtlich als auch im übertragenen Sinn.

Vor einigen Jahren las ich dann die Biografie von Uwe Holmer (Der Mann, bei dem Honecker wohnte), und war auch recht angetan davon. Genervt hat mich nur, daß er darin immer wieder vom "fröhlichen Christsein" spricht. Häh? Ist Dauerfröhlichkeit etwa ein Echtheitsmerkmal der Nachfolge Jesu?

Und dann las ich kürzlich beim christlichen Medienmagazin "pro" folgenden Satz des Vorsitzenden der Deutschen Evangelischen Allianz, Michael Diener:

„Unser Land braucht definitiv mehr echtes, einladendes, fröhlich gelebtes und dankbar vertretenes Christentum." (Hervorhebung von mir)

Ich habe nichts gegen diese beiden Männer Gottes. Ich kritisiere nicht sie als Personen, aber umso mehr den frommen Fröhlichkeitswahn, den sie propagieren. 

Ja, ich weiß, was sie meinen: Sie distanzieren sich völlig zu Recht von einer sauertöpfischen und moralinsauren, gesetzlichen Karikatur des Christseins, das sich nur über das definiert, was ein Christ nicht darf. Das liegt mir auch sehr am Herzen. Aber was setzt man dem nun entgegen? Ausgerechnet Fröhlichkeit!

Verstehen Sie mich nicht falsch: Wer mich kennt, attestiert mir in der Regel eine Menge Humor. Ich lache sehr gerne. Aber Fröhlichkeit als Dauerzustand ist krankhaft! Wer immer nur fröhlich ist, der ist entweder unglaublich oberflächlich oder ständig im Alkohol- oder Drogenrausch oder schwachsinnig. Und das soll das Echtheitsmerkmal des Christseins sein? Geht's noch?

Auf Jesus können sich die Vertreter dieser Ansicht jedenfalls nicht berufen. War Er etwa fröhlich, als Er die Geldwechsler und Händler aus dem Tempel geworfen hat?  Hat Er etwa gekichert, als Er am Kreuz hing? Entschuldigen Sie bitte, daß ich so drastisch werde!

Hier ein paar Beispiele für ganz andere Gemütsverfassungen des Sohnes Gottes:
  • Und er sah sie ringsum an mit Zorn und war betrübt über ihr verstocktes Herz (Markus 3, 5)
  • Als es aber Jesus sah, wurde er unwillig (Markus 10, 14)
  • Als Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommen waren, ergrimmte er im Geist und wurde sehr betrübt und sprach: Wo habt ihr ihn hingelegt? Sie antworteten ihm: Herr, komm und sieh es!  Und Jesus gingen die Augen über.(Johannes 11, 33 - 35)
  • Jetzt ist meine Seele betrübt. (Johannes 12, 27)
  • Als Jesus das gesagt hatte, wurde er betrübt im Geist (Johannes 13, 21)
  • Und er nahm mit sich Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus und fing an zu trauern und zu zagen. Da sprach Jesus zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod (Matthäus 26, 37 - 38)
Wir leben in einer gefallenen Welt. Über sie sagt der Apostel Paulus:

Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet. (Römer 8, 22)

Moment mal - "mit uns"? Nein, wir seufzen und ängstigen uns nicht - wir sind ja schließlich Christen, die immer fröhlich sind! (Ironiemodus aus) Was wäre denn das für ein lausiges, abstoßendes Zeugnis, wenn wir als Fromme angesichts des unzähligen unschuldigen Leidens in dieser Welt stets in heiterer Hochstimmung wären?

Auch der Apostel Paulus zeichnet ein ganz anderes Bild des Christseins:
  • Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. (Römer 12, 15)
  • Denn wir wollen euch, liebe Brüder, nicht verschweigen die Bedrängnis, die uns in der Provinz Asien widerfahren ist, wo wir über die Maßen beschwert waren und über unsere Kraft, sodass wir auch am Leben verzagten (2. Korinther 1, 8)
  • Ich hatte aber dies bei mir beschlossen, dass ich nicht abermals in Traurigkeit zu euch käme. (2. Korinther 2, 1)
Hallo Paulus! "Immer fröhlich ist der Weg des Lebens" - weißt Du das denn nicht?


Aber was ist mit folgenden Bibelstellen? Fordern sie nicht eindeutig und unmißverständlich von uns Fröhlichkeit als Dauerzustand?
  • Seid fröhlich in Hoffnung … (Römer 12, 12)
  •    … als die Traurigen, aber allezeit fröhlich … (2. Korinther 6, 10)
  • Seid allezeit fröhlich (1. Thessalonicher 5, 16)
Ja, aber nur in der Luther-Übersetzung, die ich sonst sehr schätze. Sie ist an diesen Stellen – mit Verlaub! – schlicht falsch.  Im Grundtext steht da nämlich kein Adjektiv (Eigenschaftswort), sondern ein Verb (Tätigkeitswort). Und dessen Grundbedeutung ist nicht „fröhlich sein“, sondern „sich freuen“ . Und das ist ein fast himmelweiter Unterschied. Fröhlichkeit und Freude verhalten sich zueinander etwa wie ein loderndes Feuer und eine heiße Glut. Die Flammen sind hell, heiß und unübersehbar, aber sie fallen bald wieder in sich zusammen. Übrig bleibt die Glut, die nicht so hell und imposant ist, aber auch sehr heiß und vor allem ausdauernd. Sie läßt sich auch viel schwerer löschen als Flammen. Will sagen: Fröhlichkeit ist ein wunderbares Hochgefühl, das man genießen soll. Aber es hört bald wieder auf und weicht dem emotionalen Normalzustand. Und zu dem gehört für uns Christen die Freude. Das ist ein Gemisch aus großer Dankbarkeit, tiefem inneren Frieden und dem frohmachenden Wissen um die Geborgenheit in der starken Hand unseres liebenden und treuen himmlischen Vaters. Fröhlichkeit braucht immer einen konkreten, aktuellen Anlaß, Freude jedoch nicht. Fröhlichkeit ist abhängig von der Situation, Freude ist es nicht. Deshalb können wir uns immer freuen, aber beleibe nicht immer fröhlich sein.

Fröhlichkeit als Dauerzustand ist also eine mindestens genauso schlimme Karikatur des Christseins wie die gegenteiligen Auswüchse, von denen man sich auf diese Weise abheben will. Wenn das immer mehr zum Maßstab erhoben wird, dann wird der Tag kommen, an dem ich mich offiziell vom Christsein distanzieren muß.



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