Samstag, 13. Juli 2013

Die "Einmalitis"

"Dem Volk aufs Mauls schauen" - das war eins der Prinzipien, von denen sich der geniale Reformator Martin Luther leiten ließ, als er die Bibel ins Deutsche übersetzte. Er beobachtete, wie sich seine Landsleute ausdrückten, und berücksichtigte das das beim Umsetzen des Textes der Heiligen Schrift aus dem Hebräischen, Aramäischen und Griechischen des Grundtextes ins Deutsche. Davon ist bei vielen später entstandenen und teilweise exakteren Übersetzungen leider nicht viel übriggeblieben. Gerade die Elberfelder Bibel. auch die revidierte Ausgabe, benutzt leider eine meist ziemlich abgehobene Sprache.

Jetzt bin ich etwas abgeglitten von dem, was ich eigentlich sagen will. Ich versuche im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten seit Jahrzehnten, zu beobachten, wie sich die deutsche Sprache entwickelt. Mein persönliches Fazit: Alles in allem degeneriert sie. Ein Beispiel soll genügen: "Ich muß auf Eiscreme weitgehend verzichten, weil ich bin sowohl Diabetiker als auch laktoseintolerant." Nein, es geht mir nicht um die medizinischen Aspekte, sondern um die Satzstellung. Die Konjunktion "weil" erfordert eine Umstellung: "weil ich ... bin." Das empfinden anscheinend viele Zeitgenossen auch schon als gestelzt. Dafür habe ich Verständnis. Aber warum sagen sie dann nicht "denn" statt "weil"? Dann wäre diese Umstellung nicht notwendig. Aber ich prophezeie, daß in zehn bis zwanzig Jahren dieser Sprachgebrauch sich so durchgesetzt haben wird, daß es kaum noch jemandem auffallen wird, daß er grammatisch falsch ist.

Nicht grammatisch falsch, aber sinnlos und merkwürdig ist der häufige, objektiv überflüssige Gebrauch des Wortes "einmal". Beispiel: Die Arzthelferin leitet einen Patienten in einen Umkleide- und Warteraum und sagt freundlich: "So, jetzt bitte einmal den Oberkörper freimachen!" Wieso "einmal"? Befürchtet Sie, daß der Patient sonst in eine Endloßschleife von Ausziehen und Anziehen verfällt, aus der sie ihn vielleicht nicht wieder herausholen kann?

Beispiel Nr. 2: Heute in einer Fernsehserie gesehen: Eine Polizei-Fahrradstreife fordert zwei falsch fahrende Radfahrerinnen auf: "Bitte einmal anhalten!" Klar, daß sie das Wort "einmal" gebrauchen muß; denn sonst würden die beiden bremsen, zurückfahren, wieder herkommen, bremsen, zurückfahren usw. - das muß natürlich verhindert werden! 

Im Ernst: Auffällig ist, daß es sich in allen solchen Situationen um Aufforderungen handelt, die für die Betroffenen tatsächlich oder vermeintlich unangenehm sein können. Deshalb vermute ich, daß die unbewußte Motivation für den Gebrauch des objektiv überflüssigen Wortes der Wunsch ist, zu enstpannen nach dem Motto: "Ist ja gar nicht so schlimm - tun Sie, was ich Ihnen sage, und dann haben Sie es hinter sich!" Das ist eine durchaus lobenswerte Absicht. Nur: Wenn es so gemeint ist, warum sagt man es dann nicht auch so, anstatt es in das nichtssagende Wort "einmal" zu verpacken?

So. Würden Sie jetzt bitte einmal auch meine anderen Blogeinträge lesen?

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