Donnerstag, 17. Oktober 2013

Heidnische Evangelikale

Es ist nicht nur überraschend, sondern auch erschreckend, daß man als Seelsorger immer wieder auf heidnisch-animistisches Gedankengut trifft, und zwar bei Menschen, die seit vielen Jahren eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus haben und ein ernsthaftes, tiefschürfendes Glaubensleben haben. 

Das äußert sich so (und ich will das keineswegs lächerlich machen oder verurteilen - ich kann es sogar gut verstehen, obwohl es mir persönlich fremd ist): Es passiert einem Schlimmes, Schweres, Trauriges, Unrechtes, und man versteht nicht, warum der himmlische Vater das zuläßt, obwohl Er uns doch unendlich liebhat. "Heiden" haben es da einfach: Sie klagen ihren Schöpfer an und stellen Seine Liebe zu uns Menschen in Frage. Und sie wollen nichts (mehr) mit Ihm zu tun haben.

Entschiedene, engagierte Christen dagegen können und wollen es sich nicht so leicht machen. Sie wissen ja, daß Gott Seine Liebe zu uns unwiderlegbar unter Beweis gestellt hat, indem Er Seinen einzigen und geliebten Sohn am Kreuz für uns hat sterben lassen, um Ihn an unserer Stelle für unsere Schuld zu bestrafen und uns straffrei ausgehen lassen zu können. 

Sie müssen also eine andere Erklärung finden dafür, daß Gott trotzdem so Schlimmes in ihrem Leben zuläßt. Und ihre Antwort ist: Er bestraft uns für unsere Sünden. Und dann fangen sie an, zu grübeln, wofür konkret Er sie wohl bestraft. Daß sie auf diese Frage meist keine richtige, überzeugende Antwort finden, bringt sie keineswegs von dieser Überzeugung ab.* Sie scheint ja auch so fromm und christlich zu sein.

In Wirklichkeit ist das ein uraltes heidnisch-animistisches Denken, das aber ganz tief in uns Menschen verwurzelt ist. Animismus ist der Glaube der sogenannten Naturreligionen, nach dem alles von guten oder bösen Geistern oder Ahnengeistern belebt ist. Und wenn man diese Geister durch ein falsches Handeln oder durch Unterlassen verärgert, dann rächen sie sich durch Ereignisse, die wir Bewohner der westlichen Welt "Schicksalsschläge" nennen: schwere Krankheiten, Unfälle, Mißernten usw. 

Mit diesem Denken setzt sich auch die Bibel auseinander, vor allem im Buch Hiob. Gott ließ zu, daß der Teufel ihm zuerst seinen ganzen Besitz und dann auch seine ganze Familie (bis auf seine Frau) und seine Gesundheit nahm. Und dann kamen seine Freunde und wollten ihm einreden, daß das nur eine Strafe Gottes für seine Sünde sein konnte, was aber absolut nicht der Fall war.

Auch im Neuen Testament begegnet uns dieses heidnische Denken wieder. In Johannes 9 treffen Jesus und seine Jünger einen Blindgeborenen. Und Seine Jünger fragen Ihn: "Rabbi, wer hat gesündigt, er oder seine Eltern?" (Vers 2) Er antwortet: "Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm" (Vers 3).

Natürlich kann Leid die Folge von Fehlverhalten sein. Wenn ich mich betrunken ans Steuer setze und dann ein Kind totfahre, dann werde ich meines Lebens nicht mehr froh. Aber das ist dann keine Strafe Gottes, sondern das, was Paulus so ausdrückt: "Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten" (Galater 6, 7) - das Prinzip von Saat und Ernte: was ich tue, hat Konsequenzen.

Manchmal greift Gott auch hart in unser Leben ein - ich erinnere an den Propheten Jona. Aber dann geht es nie darum, sich an uns für unsere Untreue oder unser Fehlverhalten zu rächen oder uns dafür zu bestrafen, sondern uns zurechtzubringen. Warum sollte Er uns für etwas bestrafen, was Sein Sohn Jesus Christus längst am Kreuz gesühnt hat?

Von diesem heidnischen Denken sollten wir uns schnellstens verabschieden gemäß Römer 12, 2 (Neue Evangelistische Übersetzung): "Und richtet euch nicht nach den Maßstäben dieser Welt, sondern lasst die Art und Weise, wie ihr denkt, von Gott erneuern und euch dadurch umgestalten, sodass ihr prüfen könnt, ob etwas Gottes Wille ist - ob es gut ist, ob es Gott gefallen würde und ob es zum Ziel führt."






* Eine Variante dieser Antwort ist, daß Gott uns prüfen will. Darauf gehe ich in dieser Abhandlung ein.

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