Samstag, 13. Dezember 2014

Das größte Gefängnis der Welt hat weder Riegel noch Schlösser

Ich habe es beruflich u.a. zu tun mit einer alten Dame, die nach dem Krieg aus ihrer Heimat vertrieben worden ist. Sie war damals sehr jung und kann es bis heute nicht verstehen, daß sie mitverantwortlich gemacht wurde für das Unrecht, das die Nationalsozialisten angerichtet hatten. Mit Schimpf und Schande wurde ihre Familie verjagt und konnte fast nichts mitnehmen.

Soweit kann ich mich gut in sie hineinversetzen. Was ich hingegen nicht nachvollziehen kann, ist, daß sie ihren Groll darüber bis heute so hegt und pflegt, daß sie kaum ein anderes Gesprächsthema kennt. Durch ihre Unversöhnlichkeit und Bitterkeit sperrt sie sich freiwillig, wenn auch unabsichtlich, in das größte Gefängnis der Welt ein. Und das Absurde ist, daß dieser Kerker weder Riegel noch Schlösser noch Wärter hat. Und doch wimmelt es dort nur so von Gefangenen. Wer nicht bereit ist, ihm angetanes Unrecht zu vergeben, wirft sich selbst dort in ein finsteres Verlies. Ist das nicht schrecklich?

Es gibt wohl keinen Menschen auf der Welt, dem nie Unrecht geschehen ist, der nie seelisch verletzt worden ist. Das hinterläßt Wunden, die oft traumatisieren und schlecht heilen. Dieser Heilungsprozeß kann Jahre dauern, und dann bleiben Narben zurück. Aber eins ist klar: Es gibt keine innere Heilung ohne Vergebung des Unrechts, das die Wunden verursacht hat. 

Hier gibt es leider falsche Vorstellungen, die das erschweren. Vergeben heißt nicht vergessen! Ich kann das, was man mir angetan hat, nicht aus meinem Gedächtnis ausradieren. "Vergessen" muß ich es nur in dem Sinne, daß, wenn ich es vergeben habe, ich die Erinnerung daran nicht immer wieder hege und pflege, sondern es einfach ruhen lasse. Dann tritt es in meinem Bewußtsein mehr und mehr in den Hintergrund. Und irgendwann kann ich mich daran erinnern, ohne daß es noch wehtut. Es ist einfach vorbei.

Aber wie macht man das? Ehrlich gesagt - es ist eigentlich nicht möglich. Von sich aus kann das kein Mensch. Aber wer Jesus Christus persönlich begegnet ist und die Vergebung seiner Schuld erlebt hat, der kann auch anderen Menschen vergeben. Denn das, was wir dem heiligen Gott angetan haben und antun, indem wir Seine guten Gebote mit Füßen getreten haben und auch heute noch immer wieder übertreten, das ist zumindest in Seinen Augen viel schlimmer als alles, was uns unsere Mitmenschen angetan haben und antun. 

Wer also die unbeschreibliche Befreiung von der Last seiner Schuld Gott gegenüber erlebt hat, der kann und will auch seinen Mitmenschen vergeben. Und das Wunderbare ist, daß man auch dann wieder eine große Erleichterung und Befreiung erlebt: die Befreiung aus dem Gefängnis der Unversöhnlichkeit.

Aber wie macht man das - vergeben? Nun, vergeben heißt loslassen. Ich lasse bewußt das los, was ich - völlig zu Recht - gegen die Menschen habe, die mir Unrecht angetan haben. Das muß ich ihnen noch nicht einmal sagen (meistens sehen sie ja auch gar nicht ein, daß sie mich verletzt haben). Es ist einfach eine ganz bewußte persönliche Entscheidung.

Ja, ich weiß: Das ist viel leichter gesagt als getan. Loslassen kostet weniger Kraft als festhalten, und doch ist es schwerer. Es ist aber trotzdem eine der schlimmsten Formen der Energieverschwendung. Glaub mir, ich spreche aus Erfahrung: Unversöhnlichkeit schadet meist nicht denen, die uns Unrecht angetan haben, aber umso mehr uns selbst. 

Ich denke da an einen Mann, der zu einer lebendigen Gemeinde gehörte, aber mit einer seiner Töchter gebrochen hatte, die ihm Schlimmes angetan hatte. Bis zu seinem Tod hielt er daran fest, obwohl er deswegen mehrfach ermahnt worden war. Deshalb habe ich Zweifel daran, daß er wirklich eine echte Bekehrung erlebt hatte. Jesus hat ja gesagt: Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, wird euer Vater im Himmel euch auch vergeben. Wenn ihr den Menschen aber nicht vergebt, dann wird euer Vater auch eure Verfehlungen nicht vergeben (Matthäus 6, 14 - 15).

Samstag, 6. Dezember 2014

Die ganz normale Schizophrenie

Wir alle kennen sie, die rücksichtslosen Autofahrer, die einem auf der linken Spur der Autobahn fast in den Kofferraum kriechen, obwohl vor uns die Spur auch nicht frei ist.

Daran wurde ich vorhin erinnert, als ich wieder einmal ein höchst seltsames Verhalten beobachtete, das man fast ständig und fast überall an Supermarktkassen sehen kann: Der Kunde, der direkt hinter demjenigen steht, der gerade bedient wird, bleibt mit seinem Einkaufswagen respektvoll einen bis zwei Meter zurück. Das bewirkt, daß der hintere Teil des Laufbandes nicht mit Waren belegt werden kann, weil die betreffenden Kunden es gar nicht erreichen können.

Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun? Nun, die erstere Verhaltensweise betrifft glücklicherweise nicht die Mehrheit der Autofahrer, Letztere aber nach meiner Beobachtung fast alle Kunden. Das bedeutet doch wohl: Die gleichen Leute, die auf der Autobahn auf den lebensnotwendigen Abstand pfeifen, empfinden an der Supermarktkasse plötzlich das Bedürfnis nach ein bis zwei Meter "Luft" zum Vordermann (für meine feministisch geprägten LeserInnen: oder zur Vorderfrau). Ist das nicht schizophren?

Ich kann mir das nur so zu erklären versuchen: Menschen, die normalerweise friedlich und respektvoll miteinander umgehen, werden am Steuer auf der Autobahn plötzlich zu Bestien. Da lassen sie den Frust und die Aggressionen ab, die sich im Alltag aufgebaut haben. Aber das ist lebensgefährlich!



Freitag, 5. Dezember 2014

"Wer mit sechzig noch soviel leistet wie mit zwanzig, hat mit zwanzig nicht viel geleistet."

Dieser Spruch hat mir gut gefallen. Bis heute. Da habe ich nämlich endlich begriffen, daß er genauso falsch wie richtig ist. 

Richtig ist, daß selbstverständlich unsere körperlichen Kräfte mit zunehmendem Alter nachlassen. Die Muskeln bauen sich ab - das kann auch die beste Muckibude höchstens verzögern oder abmildern. Auch das Gedächtnis läßt nach, vor allem das Kurzzeitgedächtnis. Mir ist das schmerzlich bewußt geworden, als ich vor gut zwei Jahren noch einmal eine kurze Berufsausbildung machte und für die Abschlußprüfung lernen mußte. Noch vor wenigen Jahrzehnten ging das bei mir relativ schnell und ohne große Mühe. Aber jetzt mußte ich büffeln und büffeln, aber es wollte mir nicht in die (weiche?) Birne. Meine Frau sagte sogar mehrmals zu mir, ich solle doch endlich aufhören, mich damit zu quälen. Das tat ich aber nicht, und trotzdem war ich nicht zufrieden mit der Note in der schriftlichen Prüfung.

Insofern ist dieser Spruch also richtig. Aber für das Berufliche gilt er nicht unbedingt. Man hat längst erkannt (und dafür teilweise viel Lehrgeld gezahlt!), daß ältere Arbeitnehmer nicht weniger leisten als jüngere. Was Letztere an neuen Ideen und Elan mitbringen, machen die Älteren mit ihrer Lebens- und Berufserfahrung und Weisheit mehr als wett. "Junge Leute können schneller laufen, aber die alten kennen die Abkürzungen" - das bringt es auf den Punkt.

In meinem jetzigen Beruf als Sozialbetreuer in einem Altenheim ist mein fortgeschrittenes Alter (62) sogar ein großer Vorteil. Zum einen deshalb, weil es erwiesenermaßen größere emotionale Fähigkeiten mit sich bringt - man kann sich besser in andere Menschen hineinfühlen. Und zum anderen, weil ich zwar für unsere Bewohner immer noch ein junger Mann bin (das ist eben relativ!), aber dennoch altersmäßig ihnen doch viel näher bin, als ich es als etwa Dreißgjähriger gewesen wäre. Wenn ich damals zu einer Neunzigjährigen gesagt hätte, was ich heute oft sage: "Frau X, wir werden halt alle nicht jünger!", dann hätte sich das doch sehr seltsam angehört.

Um nochmals auf den obigen Spruch zurückzukommen: Was mir daran gefällt, ist, daß uns Älteren Mut gemacht wird, kräftemäßig nicht mit jüngeren Leuten zu konkurrieren. Das können wir nicht, und das müssen wir auch nicht. Was mir daran mißfällt, ist die Unterstellung, wir seien nicht mehr leistungsfähig. Damit wären wir in unserer leistungsorientierten Gesellschaft mehr oder weniger wertlos. Aber das stimmt nicht, wie ich soeben nachgewiesen habe.

Sonntag, 21. September 2014

"Man müßte nochmal zwanzig sein ..."

Ich habe schon einige ältere Menschen gefragt, ob sie gerne noch einmal jung wären. Bisher haben das alle verneint. Und ich sehe das auch so.

Natürlich wäre es schön, wieder einmal so jung, kräftig und gesund zu sein wie damals und fast das ganze Leben noch vor sich zu haben. Das wäre ein großer Gewinn. Aber selbst, wenn wir uns dafür entscheiden könnten, müßten wir doch einen immensen Preis dafür zahlen. Wir müßten alles hergeben, was wir seitdem an Wissen, Kenntnissen, Lebenserfahrung, Einsichten, geistiger Reife, Weisheit usw. erworben haben. Das würde höchstwahrscheinlich bedeuten, daß wir alle Fehler und Dummheiten wiederholen würden, die wir in unserer Vergangenheit begangen haben. Wir würden zwar das Schöne, Erfreuliche und Angenehme erneut erleben, aber genauso auch das Traurige, Belastende, Erniedrigende und Beschämende. Und wenn ich an den ganzen Prüfungsstreß zurückdenke, den ich erlebt habe in meiner langen Ausbildung, dann sage ich endgültig "NEIN DANKE!"

Außerdem habe ich ja als wiedergeborener Christ sowieso noch das ganze Leben vor mir - das ewige Leben. Dagegen sind die lumpigen Jahrzehnte fast bedeutungslos, die ich in diesem Leben verbracht habe und verbringe. Obwohl ich mein irdisches Leben liebe, weiß ich doch: Das Schönste kommt noch!

Samstag, 24. Mai 2014

Sich einen Namen machen

Was tun die Leute nicht alles, um berühmt zu werden! Sie vollbringen die absurdesten Leistungen, um ins Guiness Book of Records zu kommen. Neulich hat ein niederländischer Rundfunkmoderator 198 Stunden moderiert und somit einen Rekord gebrochen. Nur wird diese Anstrengung irgendwann in den Hintergrund treten, wenn ein Kollege es noch länger am Mikrofon aushält.

Schlimm dagegen war Napoleon, der kaltblütig viele Millionen Soldaten als Kanonenfutter mißbraucht und sie dafür sogar verachtet hat - nur, um Macht und Ansehen zu erlangen! Er hat sich in der Tat einen Namen gemacht, aber einen, der von Blut nur so trieft.

Nein, da gefällt mir Abraham viel besser. Den kennen heute auch viele hunderte Millionen Menschen. Aber nicht, weil er selbst berühmt werden wollte, sondern weil Gott ihm einen Namen gemacht hat gemäß Seiner Verheißung in 1. Mose 12, 2:

"Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen ... "

Diese Verheißung gilt Dir und mir leider nicht, denn wir sind nicht Abraham. Aber wenn Du Jesus Christus als Deinen persönlichen Herrn und Erlöser angenommen hast, dann gibt es für Dich ein viel besseres Versprechen Gottes:

"Freut euch ... , daß eure Namen im Himmel aufgeschrieben sind!" (Lukas 10, 20)

Viele Namen, die heute noch jede Menge Menschen kennen, werden in ein paar Jahrzehnten oder Jahrhunderten (wenn es noch so lange dauert, bis der Herr Jesus wiederkommen wird) vergessen sein. Dein Name und meiner werden aber im Himmel in alle Ewigkeit bekannt sein, und deshalb werden wir auch herzlich willkommen geheißen werden, wenn wir durch Gottes Gnade dort ankommen. 

Im Vergleich dazu ist es doch völlig wurscht, was für einen Namen wir heute und hier haben!


Mittwoch, 21. Mai 2014

Ein antiquiertes Familienbild

Die "Alternative für Deutschland" wird von den Mainstream-Medien und den etablierten Parteien diffamiert und verleumdet, anstatt sich sachlich mit ihr auseinanderzusetzen. Ein Journalist der Süddeutschen Zeitung hat das jetzt getan und damit einen wohltuenden Kontrast gesetzt zu dem Geschreibsel der Mehrheit seiner Kollegen: http://www.sueddeutsche.de/politik/kritik-an-der-afd-eierwerfer-ohne-argumente-1.1968854

Ein Punkt seiner Kritik an der AfD (zu der man stehen kann, wie man will) hat mich jedoch etwas amüsiert. Er wirft der Partei ein "antiquiertes Familienbild" vor. Was ein linker Journalist damit meint, liegt auf der Hand.

Demnach bin auch ich völlig antiquiert, also unzeitgemäß: Ich bin hetero (!), bin seit fast 39 Jahren verheiratet (!), und das immer mit derselben Frau (!). Wir haben zusammen unsere beiden gemeinsamen (!) Kinder großgezogen, Kinder aus anderen Beziehungen gibt es nicht (!). Das ist sowas von antiquiert, daß es eigentlich strafbar sein müßte.

Aber wo bleibt da die allseits vergötterte Toleranz? Naja, ich sehe es ja ein: Die gilt nur für Homosexuelle, Transsexuelle, Bisexuelle, Wurstsexuelle und was weiß ich noch alles. Das "antiquierte Familienbild", das jahrtausendelang aktuell war, hat diese Toleranz natürlich nicht verdient. Es muß gnadenlos diffamiert und diskriminiert werden.

Freitag, 16. Mai 2014

Ein zähes Bäumchen




Seit über 1 1/2 Jahren beobachte ich auf dem Weg zur Arbeit dieses Bäumchen zwischen zwei Gleisen des Rüsselsheimer Hauptbahnhofs (jawohl, wir haben einen Hauptbahnhof!). Es ist eine Art Kiefer - ich weiß nur nicht, ob eine Krüppelkiefer oder eine verkrüppelte "normale" Kiefer.

Sie hat sich ja nicht gerade einen idealen Standort ausgesucht. Alle paar Minuten fahren S-Bahnen, ICEs, Regio-Bahnen und Güterzüge rechts und links an ihr vorbei. Wenn der Sommer trocken ist, werden auch schon mal einige Nadeln gelb. Aber sie hält sich, und momentan geht es ihr offensichtlich gut.

Mich hat das neulich an den ersten Teil von Psalm 1 erinnert:

Glücklich ist, wer nicht lebt wie Menschen, die von Gott nichts wissen wollen. Glücklich ist, wer sich kein Beispiel an denen nimmt, die gegen Gottes Willen verstoßen. Glücklich ist, wer sich fern hält von denen, die über alles Heilige herziehen. Glücklich ist, wer Freude hat am Gesetz des Herrn und darüber nachdenkt - Tag und Nacht. Er ist wie ein Baum, der nah am Wasser steht, der Frucht trägt jedes Jahr und dessen Blätter nie verwelken. Was er sich vornimmt, das gelingt.

Menschen, die ihr Leben am Wort Gottes, der Bibel ausrichten, sind demnach wie Bäume. Aber sie haben einen idealen Standort, nämlich in Wassernähe. Deshalb verwelken ihre Blätter - bildlich gesprochen - nie. Was das konkret bedeutet, benennt der Psalm so: "Was er sich vornimmt, das gelingt."

Ich gebe offen zu, daß ich mit dieser Aussage Probleme habe. Deshalb habe ich gerade im hebräischen Grundtext nachgesehen, ob das wirklich so gemeint ist. Ja, leider. Der Wortlaut läßt keine andere Interpretation zu, wenn man dem Text nicht Gewalt antun will. Aber das ist doch unrealistisch!

Das kann ich biblisch belegen. Drei Beispiele mögen genügen:

1) David wollte Gott einen Tempel bauen, aber Gott erlaubte ihm das nicht (1. Chronik 22, 6ff).
2) Jona lief vor Gott weg, aber Gott ließ das nicht zu (Buch Jona).
3) Petrus schlug bei der Gefangennahme Jesu einem Knecht des Hohepriesters ein Ohr ab, um seinen Herrn zu retten - vergeblich (Johannes 18, 10 - 11).

Ich könnte auch eigene Erfahrungen als Belege anführen.

Die Lösung dieses Problems liegt, wie so oft bei der Auslegung der Bibel, im Zusammenhang. Die Verse davor sprechen davon, daß dieser Baum ein Bild ist für einen Menschen, der sich vom Wort Gottes, der Bibel, bestimmen läßt. Es ist also jemand, der nach Gottes Willen fragt und darauf erpicht ist, das zu tun, was Gott von ihm will. Das trifft auf die genannten biblischen Beispiele nicht zu.

Ich habe dazu in einem alten englischsprachigen Kommentar eine gute Erklärung gefunden und ins Deutsche übersetzt: 

"Was auch immer er tut im Glauben, aus Liebe, zur Ehre Gottes und im Namen Christi, gelingt; ja, solche Dinge, von denen er betroffen ist, die widrig sind und gegenwärtig gegen ihn zu sein scheinen, dienen ihm am Ende zum Guten; kurz: so ein Mensch ist hier mit Gnade gesegnet und mit Herrlichkeit hernach ... "

Aber selbst das ist manchmal schwer zu glauben: So Vieles, was wir aus dieser Motivation und in dieser Haltung für Gott tun, scheint wirkungslos zu verpuffen. Wie viele Mütter haben ihr Leben lang für ihr Kind gebetet, das nichts (mehr) von Jesus wissen wollte, und bis zu ihrem Tod hat sich anscheinend nichts getan. Aber manchmal fand der verlorene Sohn bzw. die verlorene Tochter später dann doch noch den Weg zurück, ohne daß die Mutter das noch erleben durfte.

Was Dein Dienst für Jesus an Frucht bewirkt, das wirst Du im vollen Ausmaß erst in der Ewigkeit sehen. Erst dann wird Erntezeit sein. Noch ist die Zeit des Säens und Bewässerns und Hegens. Noch leben wir im Glauben und nicht im Schauen. Damit müssen wir uns leider zufrieden geben. Aber wir haben auch wunderbare Verheißungen:

Laßt uns nicht müde werden, das Gute zu tun; denn wenn wir darin nicht nachlassen, werden wir ernten, sobald die Zeit dafür gekommen ist. (Galater 6, 9)

Denkt daran: Wer kärglich sät, wird auch kärglich ernten; wer reichlich sät, wird reichlich ernten. (2. Korinther 9, 6)

Daher, geliebte Brüder, seid standhaft und unerschütterlich, nehmt immer eifriger am Werk des Herrn teil und denkt daran, dass im Herrn eure Mühe nicht vergeblich ist. (1. Korinther 15, 58)

Donnerstag, 8. Mai 2014

Die Zeit ist ein grausamer Tyrann

Jedenfalls erleben wir sie so: Wenn es uns gut geht, wenn wir etwas genießen, wenn wir schöne Tage erleben, dann sorgt die Zeit dafür, daß all das Gute blitzschnell an uns vorbeifliegt. Da werden Wochen zu Tagen, Tage zu Stunden, Stunden zu Minuten und Minuten zu Sekunden, damit wir nur ja möglichst wenig davon haben.

Wenn wir dagegen leiden, weil wir Schmerzen haben, schwach, entmutigt, gestreßt, besorgt, geängstigt, dann zieht die Zeit pötzlich die Notbremse und legt den Kriechgang ein. Dann werden Sekunden zu Minuten, Minuten zu Stunden, Stunden zu Tagen, Tage zu Wochen, damit wir das Schwere möglichst intensiv auskosten müssen.

Natürlich ist das objektiv nicht so. Die Zeit verläuft absolut gleichmäßig. Aber wir empfinden ihr Tempo sehr unterschiedlich, je nachdem, in welcher Situation wir uns befinden. Und in diesem Sinn ist die Zeit nicht unsere Freundin, sondern unsere Feindin.

Um noch ein Beispiel zu nennen: Da ist eine schwere Aufgabe unbedingt bis zu einem bestimmten Termin zu erledigen, und man weiß von Anfang an, daß das kaum zu schaffen ist. Dann setzt die Zeit uns unter einen hohen Druck, der uns fast die Luft zum Atmen nimmt. Gut, es gibt natürlich Menschen, die diesen Druck brauchen, weil sie sonst nichts rechtzeitig zustandebringen. Aber das sind Ausnahmen. Im Englischen nennt man diese Terminfristen anschaulich "deadlines" - wörtlich: Totlinien. Das suggeriert: Wenn du diesen Termin nicht einhältst, wenn Du diese zeitliche Linie überschreitest, dann bist du tot. Die Zeit ist ein grausamer Tyrann!

Und noch ein Beispiel: Es sind ja im Grunde nicht nur die schönen, angenehmen und frohen Zeiten, die so schnell vorbeigehen. Je älter man wird, desto mehr empfindet man, daß das ganze Leben schneller abläuft, als das, was das menschliche Auge wahrnehmen kann. Ehe man es sich versieht, ist man ein alter Mensch, hat nur noch kurze Zeit zu leben und fragt sich: Soll es das etwa schon gewesen sein? Ich habe doch im Grunde noch gar nicht richtig gelebt! Ja, die Zeit ist ein grausamer Tyrann.

Auch dieses letzte Beispiel widerspiegelt wieder "nur" unser subjektives Empfinden. Aber warum nehmen wir die Zeit so wahr?

Ich bin davon überzeugt, daß ein Hauptgrund darin liegt, daß wir Menschen eigentlich gar nicht "zeitkompatibel" sind. Will sagen: Gott hat uns nicht für diese vergängliche Zeit geschaffen, sondern für die Ewigkeit. Die Vergänglichkeit war ja nicht Teil der ursprünglichen Schöpfung, sondern sie ist eine Folge des Sündenfalls, der Auflehnung der Menschen gegen Gott (1. Mose 3). Deshalb sagt die Bibel: " ... auch hat Er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt ..." (Prediger 3, 11). Darum haben wir tief in unserem Innern eine Sehnsucht danach, die Tyrannei der Zeit und der Vergänglichkeit zu überwinden.

Das können wir natürlich nicht, und wir müssen es auch gar nicht. Jesus Christus, der sündlose Sohn Gottes, hat das für uns getan durch Sein Sterben und Auferstehen. Wer sein Vertrauen auf Ihn setzt, der muß zwar auch sterben, aber Er wird auferstehen und danach ewig leben. Ewigkeit ist das Gegenteil von Zeit - sie hat weder Beginn noch Ende. Und die Freude in der ungetrübten Gemeinschaft mit unserem Schöpfer wird schöner und intensiver sein als alles, was wir uns vorstellen können. Und sie wird keineswegs an uns vorbeirauschen, sondern nie, nie wieder aufhören.

Nein, ich verstehe das auch nicht, und ich kann es mir auch kaum ausmalen. Aber ich glaube daran und freue mich darauf.

Und deshalb ist der Tyrann Zeit in gewisser Weise doch mein Freund. Denn jede Sekunde, die verstreicht, bringt mich der Ewigkeit näher. Halleluja!

Mittwoch, 23. April 2014

Behindert?

Ich habe am Ostersonntag eine ziemlich tiefgründige Predigt gehört. Sie verdeutlichte anschaulich und eindrucksvoll, daß die Botschaft von der Auferstehung Jesu buchstäblich die sensationellste, wichtigste, folgenreichste und schönste Nachricht ist, die es gibt.

Ich wurde allerdings immer wieder abgelenkt von einem Zuhörer, der oft leise lachte und kicherte. Machte er sich über die Predigt lustig, oder ist er behindert? Dann nickte er auf einmal zustimmend mit dem Kopf. Ich begriff endlich: Der freute sich ein Loch in den Strumpf über das, was er hörte.

Das machte mich nachdenklich. Warum saß ich eigentlich so cool und gelassen da, als würde der Pastor aus einem Telefonbuch vorlesen? Warum freute ich mich nicht genauso wie dieser Mann? Nehme ich nicht das Evangelium meistens fast als selbstverständlich? Das ist schlimm!

Später erfuhr ich, daß dieser Mann doch behindert ist. Das machte mich noch nachdenklicher. Im Grunde bin ICH behindert, und ER ist "normal". Sein Verhalten hat mehr zu mir geredet als die Predigt, die ich gehört habe.

Sonntag, 6. April 2014

Ist da jemand?

Ich habe jetzt ein Vierteljahr lang nichts gebloggt. Nicht aus Faulheit, sondern hauptsächlich, weil ich mich frage, ob überhaupt jemand liest, was ich hier schreibe. Nun habe ich soeben gesehen, daß es in diesem Blog bisher insgesamt 1502 Seitenaufrufe gegeben hat. Immerhin. Aber Reaktionen, sprich: Kommentare, hat es bisher noch keine gegeben. Deshalb jetzt meine Frage:

IST DA JEMAND? HALLO???

Samstag, 11. Januar 2014

Gedanken zur Jahreslosung 2014

Zu „weichgespült“ klingt die Jahreslosung in den Ohren des Braunschweiger Pfarrers Frank-Georg Gozdek. Er fühle sich „irgendwie an Wellness, sanfte Therapien, Esoterik-Heiteitei“ erinnert, schreibt er im Rundbrief der theologisch konservativen Kirchengemeinde St. Ulrici-Brüdern. „Gott nahe zu sein ist mein Glück“ lautet die Jahreslosung für 2014 aus Psalm 73,28.

Das berichtet die evangelikale Zeitschrift "idea spektrum" heute. Ich hatte mich bisher noch nicht mit der Jahreslosung beschäftigt. Aber ich muß sagen, daß ich mit ihrem Text nach der Einheitsübersetzung nicht viel anfangen konnte. Diese Formulierung ist mir zu realitätsfremd. Ich habe nämlich die Nähe Gottes so manches Mal dann am intensivsten erlebt, wenn ich todunglücklich war.

Damit will ich nicht sagen, daß diese Übersetzung völlig falsch ist. Das hebräische Wort "tow" hat auch die Bedeutung "Glück" im Sinne von "glücklich sein". Aber das paßt überhaupt nicht in den Zusammenhang. Der vorhergehende Vers lautet nach Luther:

"Denn siehe, die von dir weichen, werden umkommen; du bringst um alle, die dir die Treue brechen."

Deshalb übersetze ich den Text der Jahreslosung so:

"Aber was mich betrifft, ist es gut für mich, die Nähe Gottes zu suchen."

Das ist auch ziemlich frei übersetzt, trifft aber meines Erachtens am besten das, was der Grundtext meint.

Ich finde die Kritik von Pfarrer Gozdek an der "offiziellen" Formulierung der Jahreslosung absolut treffend. Sie kommt dem postmodernen Zeitgeist sehr entgegen. Der Mensch der Postmoderne ist sehr ichbezogen und gefühlsbetont; ihm liegt viel daran, sich wohlzufühlen. Aber so ist dieses Bibelwort eben nicht gemeint. Es geht um objektive Tatsachen: Die Gottlosen werden am Ende von ihrem Schöpfer für ihre Sünden bestraft. Deshalb ist es gut für uns, nicht ihre falschen Wege zu gehen, sondern nahe bei Gott zu sein und zu bleiben. Und das, obwohl wir Ihn oft nicht verstehen. Der Gesamttenor dieses Psalms ist ja, daß es so unbegreiflich ist, daß Gott zuläßt, daß es den Übeltätern oft so gut geht, während Menschen, die sich bemühen, nach Seinen Geboten zu leben, unschuldig leiden müssen.

Unsere Jahreslosung ist eine Art Fazit des ganzen Psalms und muß deshalb in diesem Zusammenhang betrachtet und verstanden werden und darf nicht, wenn auch wohl unbeabsichtigt, in ihrer Formulierung dem Zeitgeist angepaßt werden. Sie fordert uns auf, die Nähe Gottes zu suchen, aber nicht, um dort Glücksgefühle zu finden, sondern weil es das Beste und Klügste ist, was wir tun können.

Mittwoch, 1. Januar 2014

Herzlichen Glückwunsch - Sie haben es überlebt!

Jetzt fragen Sie sich sicher, welche Naturkatastrophe ich meine. Nun, das ist doch klar: den Jahreswechsel!

Wie ich dazu komme, ein ganz normales Datum als Naturkatastrophe zu bezeichnen? Das tue nicht ich, sondern meine Zeitgenossen! Gestern haben mir alle Leute einen guten Rutsch gewünscht!

Guten Rutsch? Häh? Davon habe ich nichts gemerkt! Oder hätte ich dafür zwischen 00:59 Uhr und 00:01 Uhr auf der Straße sein müssen? Dann hätte ich zwar jede Menge Lärm erlebt, aber rutschig wäre es nicht gewesen - dafür war es zu warm!

Das wußte ich vorher, und deshalb bin ich wie immer ins Bett gegangen und habe mir, als mich der Lärm der Böller gegen Mitternacht weckte, die Ohrstöpsel tiefer in die Gehörgänge gestopft und dann weitergeschlafen.

Was soll also so rutschig gewesen sein am Jahreswechsel? Manche Zeitgenossen  erklären diesen Wunsch mit dem Wunsch zum jüdischen Neujahrfest "Gut Rosch" (hebräisch "rosch haschanah"). Aber erstens ist das umstritten, zweitens ist das jüdische Neujahrsfest kalendarisch weit entfernt vom 01.01., und drittens wäre es vermessen, zu meinen, ein jüdischer Brauch hätte einen solchen Einfluß aufs nichtjüdischen Brauchtum gefunden ... Schön wär's ja!

Was mich daran stört, ist nur, daß die Leute sich so wenig Gedanken über Sinn und Unsinn dieser Sitte machen. Ich bin jedenfalls nicht gerutscht letzte Nacht. Ich wünschte, ich könnte jede Nacht so gut schlafen! Gerutscht bin ich, wenn überhaupt, bisher jedenfall nur tagsüber.