Samstag, 11. Januar 2014

Gedanken zur Jahreslosung 2014

Zu „weichgespült“ klingt die Jahreslosung in den Ohren des Braunschweiger Pfarrers Frank-Georg Gozdek. Er fühle sich „irgendwie an Wellness, sanfte Therapien, Esoterik-Heiteitei“ erinnert, schreibt er im Rundbrief der theologisch konservativen Kirchengemeinde St. Ulrici-Brüdern. „Gott nahe zu sein ist mein Glück“ lautet die Jahreslosung für 2014 aus Psalm 73,28.

Das berichtet die evangelikale Zeitschrift "idea spektrum" heute. Ich hatte mich bisher noch nicht mit der Jahreslosung beschäftigt. Aber ich muß sagen, daß ich mit ihrem Text nach der Einheitsübersetzung nicht viel anfangen konnte. Diese Formulierung ist mir zu realitätsfremd. Ich habe nämlich die Nähe Gottes so manches Mal dann am intensivsten erlebt, wenn ich todunglücklich war.

Damit will ich nicht sagen, daß diese Übersetzung völlig falsch ist. Das hebräische Wort "tow" hat auch die Bedeutung "Glück" im Sinne von "glücklich sein". Aber das paßt überhaupt nicht in den Zusammenhang. Der vorhergehende Vers lautet nach Luther:

"Denn siehe, die von dir weichen, werden umkommen; du bringst um alle, die dir die Treue brechen."

Deshalb übersetze ich den Text der Jahreslosung so:

"Aber was mich betrifft, ist es gut für mich, die Nähe Gottes zu suchen."

Das ist auch ziemlich frei übersetzt, trifft aber meines Erachtens am besten das, was der Grundtext meint.

Ich finde die Kritik von Pfarrer Gozdek an der "offiziellen" Formulierung der Jahreslosung absolut treffend. Sie kommt dem postmodernen Zeitgeist sehr entgegen. Der Mensch der Postmoderne ist sehr ichbezogen und gefühlsbetont; ihm liegt viel daran, sich wohlzufühlen. Aber so ist dieses Bibelwort eben nicht gemeint. Es geht um objektive Tatsachen: Die Gottlosen werden am Ende von ihrem Schöpfer für ihre Sünden bestraft. Deshalb ist es gut für uns, nicht ihre falschen Wege zu gehen, sondern nahe bei Gott zu sein und zu bleiben. Und das, obwohl wir Ihn oft nicht verstehen. Der Gesamttenor dieses Psalms ist ja, daß es so unbegreiflich ist, daß Gott zuläßt, daß es den Übeltätern oft so gut geht, während Menschen, die sich bemühen, nach Seinen Geboten zu leben, unschuldig leiden müssen.

Unsere Jahreslosung ist eine Art Fazit des ganzen Psalms und muß deshalb in diesem Zusammenhang betrachtet und verstanden werden und darf nicht, wenn auch wohl unbeabsichtigt, in ihrer Formulierung dem Zeitgeist angepaßt werden. Sie fordert uns auf, die Nähe Gottes zu suchen, aber nicht, um dort Glücksgefühle zu finden, sondern weil es das Beste und Klügste ist, was wir tun können.

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