Donnerstag, 8. Mai 2014

Die Zeit ist ein grausamer Tyrann

Jedenfalls erleben wir sie so: Wenn es uns gut geht, wenn wir etwas genießen, wenn wir schöne Tage erleben, dann sorgt die Zeit dafür, daß all das Gute blitzschnell an uns vorbeifliegt. Da werden Wochen zu Tagen, Tage zu Stunden, Stunden zu Minuten und Minuten zu Sekunden, damit wir nur ja möglichst wenig davon haben.

Wenn wir dagegen leiden, weil wir Schmerzen haben, schwach, entmutigt, gestreßt, besorgt, geängstigt, dann zieht die Zeit pötzlich die Notbremse und legt den Kriechgang ein. Dann werden Sekunden zu Minuten, Minuten zu Stunden, Stunden zu Tagen, Tage zu Wochen, damit wir das Schwere möglichst intensiv auskosten müssen.

Natürlich ist das objektiv nicht so. Die Zeit verläuft absolut gleichmäßig. Aber wir empfinden ihr Tempo sehr unterschiedlich, je nachdem, in welcher Situation wir uns befinden. Und in diesem Sinn ist die Zeit nicht unsere Freundin, sondern unsere Feindin.

Um noch ein Beispiel zu nennen: Da ist eine schwere Aufgabe unbedingt bis zu einem bestimmten Termin zu erledigen, und man weiß von Anfang an, daß das kaum zu schaffen ist. Dann setzt die Zeit uns unter einen hohen Druck, der uns fast die Luft zum Atmen nimmt. Gut, es gibt natürlich Menschen, die diesen Druck brauchen, weil sie sonst nichts rechtzeitig zustandebringen. Aber das sind Ausnahmen. Im Englischen nennt man diese Terminfristen anschaulich "deadlines" - wörtlich: Totlinien. Das suggeriert: Wenn du diesen Termin nicht einhältst, wenn Du diese zeitliche Linie überschreitest, dann bist du tot. Die Zeit ist ein grausamer Tyrann!

Und noch ein Beispiel: Es sind ja im Grunde nicht nur die schönen, angenehmen und frohen Zeiten, die so schnell vorbeigehen. Je älter man wird, desto mehr empfindet man, daß das ganze Leben schneller abläuft, als das, was das menschliche Auge wahrnehmen kann. Ehe man es sich versieht, ist man ein alter Mensch, hat nur noch kurze Zeit zu leben und fragt sich: Soll es das etwa schon gewesen sein? Ich habe doch im Grunde noch gar nicht richtig gelebt! Ja, die Zeit ist ein grausamer Tyrann.

Auch dieses letzte Beispiel widerspiegelt wieder "nur" unser subjektives Empfinden. Aber warum nehmen wir die Zeit so wahr?

Ich bin davon überzeugt, daß ein Hauptgrund darin liegt, daß wir Menschen eigentlich gar nicht "zeitkompatibel" sind. Will sagen: Gott hat uns nicht für diese vergängliche Zeit geschaffen, sondern für die Ewigkeit. Die Vergänglichkeit war ja nicht Teil der ursprünglichen Schöpfung, sondern sie ist eine Folge des Sündenfalls, der Auflehnung der Menschen gegen Gott (1. Mose 3). Deshalb sagt die Bibel: " ... auch hat Er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt ..." (Prediger 3, 11). Darum haben wir tief in unserem Innern eine Sehnsucht danach, die Tyrannei der Zeit und der Vergänglichkeit zu überwinden.

Das können wir natürlich nicht, und wir müssen es auch gar nicht. Jesus Christus, der sündlose Sohn Gottes, hat das für uns getan durch Sein Sterben und Auferstehen. Wer sein Vertrauen auf Ihn setzt, der muß zwar auch sterben, aber Er wird auferstehen und danach ewig leben. Ewigkeit ist das Gegenteil von Zeit - sie hat weder Beginn noch Ende. Und die Freude in der ungetrübten Gemeinschaft mit unserem Schöpfer wird schöner und intensiver sein als alles, was wir uns vorstellen können. Und sie wird keineswegs an uns vorbeirauschen, sondern nie, nie wieder aufhören.

Nein, ich verstehe das auch nicht, und ich kann es mir auch kaum ausmalen. Aber ich glaube daran und freue mich darauf.

Und deshalb ist der Tyrann Zeit in gewisser Weise doch mein Freund. Denn jede Sekunde, die verstreicht, bringt mich der Ewigkeit näher. Halleluja!

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