Freitag, 16. Mai 2014

Ein zähes Bäumchen




Seit über 1 1/2 Jahren beobachte ich auf dem Weg zur Arbeit dieses Bäumchen zwischen zwei Gleisen des Rüsselsheimer Hauptbahnhofs (jawohl, wir haben einen Hauptbahnhof!). Es ist eine Art Kiefer - ich weiß nur nicht, ob eine Krüppelkiefer oder eine verkrüppelte "normale" Kiefer.

Sie hat sich ja nicht gerade einen idealen Standort ausgesucht. Alle paar Minuten fahren S-Bahnen, ICEs, Regio-Bahnen und Güterzüge rechts und links an ihr vorbei. Wenn der Sommer trocken ist, werden auch schon mal einige Nadeln gelb. Aber sie hält sich, und momentan geht es ihr offensichtlich gut.

Mich hat das neulich an den ersten Teil von Psalm 1 erinnert:

Glücklich ist, wer nicht lebt wie Menschen, die von Gott nichts wissen wollen. Glücklich ist, wer sich kein Beispiel an denen nimmt, die gegen Gottes Willen verstoßen. Glücklich ist, wer sich fern hält von denen, die über alles Heilige herziehen. Glücklich ist, wer Freude hat am Gesetz des Herrn und darüber nachdenkt - Tag und Nacht. Er ist wie ein Baum, der nah am Wasser steht, der Frucht trägt jedes Jahr und dessen Blätter nie verwelken. Was er sich vornimmt, das gelingt.

Menschen, die ihr Leben am Wort Gottes, der Bibel ausrichten, sind demnach wie Bäume. Aber sie haben einen idealen Standort, nämlich in Wassernähe. Deshalb verwelken ihre Blätter - bildlich gesprochen - nie. Was das konkret bedeutet, benennt der Psalm so: "Was er sich vornimmt, das gelingt."

Ich gebe offen zu, daß ich mit dieser Aussage Probleme habe. Deshalb habe ich gerade im hebräischen Grundtext nachgesehen, ob das wirklich so gemeint ist. Ja, leider. Der Wortlaut läßt keine andere Interpretation zu, wenn man dem Text nicht Gewalt antun will. Aber das ist doch unrealistisch!

Das kann ich biblisch belegen. Drei Beispiele mögen genügen:

1) David wollte Gott einen Tempel bauen, aber Gott erlaubte ihm das nicht (1. Chronik 22, 6ff).
2) Jona lief vor Gott weg, aber Gott ließ das nicht zu (Buch Jona).
3) Petrus schlug bei der Gefangennahme Jesu einem Knecht des Hohepriesters ein Ohr ab, um seinen Herrn zu retten - vergeblich (Johannes 18, 10 - 11).

Ich könnte auch eigene Erfahrungen als Belege anführen.

Die Lösung dieses Problems liegt, wie so oft bei der Auslegung der Bibel, im Zusammenhang. Die Verse davor sprechen davon, daß dieser Baum ein Bild ist für einen Menschen, der sich vom Wort Gottes, der Bibel, bestimmen läßt. Es ist also jemand, der nach Gottes Willen fragt und darauf erpicht ist, das zu tun, was Gott von ihm will. Das trifft auf die genannten biblischen Beispiele nicht zu.

Ich habe dazu in einem alten englischsprachigen Kommentar eine gute Erklärung gefunden und ins Deutsche übersetzt: 

"Was auch immer er tut im Glauben, aus Liebe, zur Ehre Gottes und im Namen Christi, gelingt; ja, solche Dinge, von denen er betroffen ist, die widrig sind und gegenwärtig gegen ihn zu sein scheinen, dienen ihm am Ende zum Guten; kurz: so ein Mensch ist hier mit Gnade gesegnet und mit Herrlichkeit hernach ... "

Aber selbst das ist manchmal schwer zu glauben: So Vieles, was wir aus dieser Motivation und in dieser Haltung für Gott tun, scheint wirkungslos zu verpuffen. Wie viele Mütter haben ihr Leben lang für ihr Kind gebetet, das nichts (mehr) von Jesus wissen wollte, und bis zu ihrem Tod hat sich anscheinend nichts getan. Aber manchmal fand der verlorene Sohn bzw. die verlorene Tochter später dann doch noch den Weg zurück, ohne daß die Mutter das noch erleben durfte.

Was Dein Dienst für Jesus an Frucht bewirkt, das wirst Du im vollen Ausmaß erst in der Ewigkeit sehen. Erst dann wird Erntezeit sein. Noch ist die Zeit des Säens und Bewässerns und Hegens. Noch leben wir im Glauben und nicht im Schauen. Damit müssen wir uns leider zufrieden geben. Aber wir haben auch wunderbare Verheißungen:

Laßt uns nicht müde werden, das Gute zu tun; denn wenn wir darin nicht nachlassen, werden wir ernten, sobald die Zeit dafür gekommen ist. (Galater 6, 9)

Denkt daran: Wer kärglich sät, wird auch kärglich ernten; wer reichlich sät, wird reichlich ernten. (2. Korinther 9, 6)

Daher, geliebte Brüder, seid standhaft und unerschütterlich, nehmt immer eifriger am Werk des Herrn teil und denkt daran, dass im Herrn eure Mühe nicht vergeblich ist. (1. Korinther 15, 58)

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