Samstag, 13. Dezember 2014

Das größte Gefängnis der Welt hat weder Riegel noch Schlösser

Ich habe es beruflich u.a. zu tun mit einer alten Dame, die nach dem Krieg aus ihrer Heimat vertrieben worden ist. Sie war damals sehr jung und kann es bis heute nicht verstehen, daß sie mitverantwortlich gemacht wurde für das Unrecht, das die Nationalsozialisten angerichtet hatten. Mit Schimpf und Schande wurde ihre Familie verjagt und konnte fast nichts mitnehmen.

Soweit kann ich mich gut in sie hineinversetzen. Was ich hingegen nicht nachvollziehen kann, ist, daß sie ihren Groll darüber bis heute so hegt und pflegt, daß sie kaum ein anderes Gesprächsthema kennt. Durch ihre Unversöhnlichkeit und Bitterkeit sperrt sie sich freiwillig, wenn auch unabsichtlich, in das größte Gefängnis der Welt ein. Und das Absurde ist, daß dieser Kerker weder Riegel noch Schlösser noch Wärter hat. Und doch wimmelt es dort nur so von Gefangenen. Wer nicht bereit ist, ihm angetanes Unrecht zu vergeben, wirft sich selbst dort in ein finsteres Verlies. Ist das nicht schrecklich?

Es gibt wohl keinen Menschen auf der Welt, dem nie Unrecht geschehen ist, der nie seelisch verletzt worden ist. Das hinterläßt Wunden, die oft traumatisieren und schlecht heilen. Dieser Heilungsprozeß kann Jahre dauern, und dann bleiben Narben zurück. Aber eins ist klar: Es gibt keine innere Heilung ohne Vergebung des Unrechts, das die Wunden verursacht hat. 

Hier gibt es leider falsche Vorstellungen, die das erschweren. Vergeben heißt nicht vergessen! Ich kann das, was man mir angetan hat, nicht aus meinem Gedächtnis ausradieren. "Vergessen" muß ich es nur in dem Sinne, daß, wenn ich es vergeben habe, ich die Erinnerung daran nicht immer wieder hege und pflege, sondern es einfach ruhen lasse. Dann tritt es in meinem Bewußtsein mehr und mehr in den Hintergrund. Und irgendwann kann ich mich daran erinnern, ohne daß es noch wehtut. Es ist einfach vorbei.

Aber wie macht man das? Ehrlich gesagt - es ist eigentlich nicht möglich. Von sich aus kann das kein Mensch. Aber wer Jesus Christus persönlich begegnet ist und die Vergebung seiner Schuld erlebt hat, der kann auch anderen Menschen vergeben. Denn das, was wir dem heiligen Gott angetan haben und antun, indem wir Seine guten Gebote mit Füßen getreten haben und auch heute noch immer wieder übertreten, das ist zumindest in Seinen Augen viel schlimmer als alles, was uns unsere Mitmenschen angetan haben und antun. 

Wer also die unbeschreibliche Befreiung von der Last seiner Schuld Gott gegenüber erlebt hat, der kann und will auch seinen Mitmenschen vergeben. Und das Wunderbare ist, daß man auch dann wieder eine große Erleichterung und Befreiung erlebt: die Befreiung aus dem Gefängnis der Unversöhnlichkeit.

Aber wie macht man das - vergeben? Nun, vergeben heißt loslassen. Ich lasse bewußt das los, was ich - völlig zu Recht - gegen die Menschen habe, die mir Unrecht angetan haben. Das muß ich ihnen noch nicht einmal sagen (meistens sehen sie ja auch gar nicht ein, daß sie mich verletzt haben). Es ist einfach eine ganz bewußte persönliche Entscheidung.

Ja, ich weiß: Das ist viel leichter gesagt als getan. Loslassen kostet weniger Kraft als festhalten, und doch ist es schwerer. Es ist aber trotzdem eine der schlimmsten Formen der Energieverschwendung. Glaub mir, ich spreche aus Erfahrung: Unversöhnlichkeit schadet meist nicht denen, die uns Unrecht angetan haben, aber umso mehr uns selbst. 

Ich denke da an einen Mann, der zu einer lebendigen Gemeinde gehörte, aber mit einer seiner Töchter gebrochen hatte, die ihm Schlimmes angetan hatte. Bis zu seinem Tod hielt er daran fest, obwohl er deswegen mehrfach ermahnt worden war. Deshalb habe ich Zweifel daran, daß er wirklich eine echte Bekehrung erlebt hatte. Jesus hat ja gesagt: Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, wird euer Vater im Himmel euch auch vergeben. Wenn ihr den Menschen aber nicht vergebt, dann wird euer Vater auch eure Verfehlungen nicht vergeben (Matthäus 6, 14 - 15).

Samstag, 6. Dezember 2014

Die ganz normale Schizophrenie

Wir alle kennen sie, die rücksichtslosen Autofahrer, die einem auf der linken Spur der Autobahn fast in den Kofferraum kriechen, obwohl vor uns die Spur auch nicht frei ist.

Daran wurde ich vorhin erinnert, als ich wieder einmal ein höchst seltsames Verhalten beobachtete, das man fast ständig und fast überall an Supermarktkassen sehen kann: Der Kunde, der direkt hinter demjenigen steht, der gerade bedient wird, bleibt mit seinem Einkaufswagen respektvoll einen bis zwei Meter zurück. Das bewirkt, daß der hintere Teil des Laufbandes nicht mit Waren belegt werden kann, weil die betreffenden Kunden es gar nicht erreichen können.

Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun? Nun, die erstere Verhaltensweise betrifft glücklicherweise nicht die Mehrheit der Autofahrer, Letztere aber nach meiner Beobachtung fast alle Kunden. Das bedeutet doch wohl: Die gleichen Leute, die auf der Autobahn auf den lebensnotwendigen Abstand pfeifen, empfinden an der Supermarktkasse plötzlich das Bedürfnis nach ein bis zwei Meter "Luft" zum Vordermann (für meine feministisch geprägten LeserInnen: oder zur Vorderfrau). Ist das nicht schizophren?

Ich kann mir das nur so zu erklären versuchen: Menschen, die normalerweise friedlich und respektvoll miteinander umgehen, werden am Steuer auf der Autobahn plötzlich zu Bestien. Da lassen sie den Frust und die Aggressionen ab, die sich im Alltag aufgebaut haben. Aber das ist lebensgefährlich!



Freitag, 5. Dezember 2014

"Wer mit sechzig noch soviel leistet wie mit zwanzig, hat mit zwanzig nicht viel geleistet."

Dieser Spruch hat mir gut gefallen. Bis heute. Da habe ich nämlich endlich begriffen, daß er genauso falsch wie richtig ist. 

Richtig ist, daß selbstverständlich unsere körperlichen Kräfte mit zunehmendem Alter nachlassen. Die Muskeln bauen sich ab - das kann auch die beste Muckibude höchstens verzögern oder abmildern. Auch das Gedächtnis läßt nach, vor allem das Kurzzeitgedächtnis. Mir ist das schmerzlich bewußt geworden, als ich vor gut zwei Jahren noch einmal eine kurze Berufsausbildung machte und für die Abschlußprüfung lernen mußte. Noch vor wenigen Jahrzehnten ging das bei mir relativ schnell und ohne große Mühe. Aber jetzt mußte ich büffeln und büffeln, aber es wollte mir nicht in die (weiche?) Birne. Meine Frau sagte sogar mehrmals zu mir, ich solle doch endlich aufhören, mich damit zu quälen. Das tat ich aber nicht, und trotzdem war ich nicht zufrieden mit der Note in der schriftlichen Prüfung.

Insofern ist dieser Spruch also richtig. Aber für das Berufliche gilt er nicht unbedingt. Man hat längst erkannt (und dafür teilweise viel Lehrgeld gezahlt!), daß ältere Arbeitnehmer nicht weniger leisten als jüngere. Was Letztere an neuen Ideen und Elan mitbringen, machen die Älteren mit ihrer Lebens- und Berufserfahrung und Weisheit mehr als wett. "Junge Leute können schneller laufen, aber die alten kennen die Abkürzungen" - das bringt es auf den Punkt.

In meinem jetzigen Beruf als Sozialbetreuer in einem Altenheim ist mein fortgeschrittenes Alter (62) sogar ein großer Vorteil. Zum einen deshalb, weil es erwiesenermaßen größere emotionale Fähigkeiten mit sich bringt - man kann sich besser in andere Menschen hineinfühlen. Und zum anderen, weil ich zwar für unsere Bewohner immer noch ein junger Mann bin (das ist eben relativ!), aber dennoch altersmäßig ihnen doch viel näher bin, als ich es als etwa Dreißgjähriger gewesen wäre. Wenn ich damals zu einer Neunzigjährigen gesagt hätte, was ich heute oft sage: "Frau X, wir werden halt alle nicht jünger!", dann hätte sich das doch sehr seltsam angehört.

Um nochmals auf den obigen Spruch zurückzukommen: Was mir daran gefällt, ist, daß uns Älteren Mut gemacht wird, kräftemäßig nicht mit jüngeren Leuten zu konkurrieren. Das können wir nicht, und das müssen wir auch nicht. Was mir daran mißfällt, ist die Unterstellung, wir seien nicht mehr leistungsfähig. Damit wären wir in unserer leistungsorientierten Gesellschaft mehr oder weniger wertlos. Aber das stimmt nicht, wie ich soeben nachgewiesen habe.