Freitag, 5. Dezember 2014

"Wer mit sechzig noch soviel leistet wie mit zwanzig, hat mit zwanzig nicht viel geleistet."

Dieser Spruch hat mir gut gefallen. Bis heute. Da habe ich nämlich endlich begriffen, daß er genauso falsch wie richtig ist. 

Richtig ist, daß selbstverständlich unsere körperlichen Kräfte mit zunehmendem Alter nachlassen. Die Muskeln bauen sich ab - das kann auch die beste Muckibude höchstens verzögern oder abmildern. Auch das Gedächtnis läßt nach, vor allem das Kurzzeitgedächtnis. Mir ist das schmerzlich bewußt geworden, als ich vor gut zwei Jahren noch einmal eine kurze Berufsausbildung machte und für die Abschlußprüfung lernen mußte. Noch vor wenigen Jahrzehnten ging das bei mir relativ schnell und ohne große Mühe. Aber jetzt mußte ich büffeln und büffeln, aber es wollte mir nicht in die (weiche?) Birne. Meine Frau sagte sogar mehrmals zu mir, ich solle doch endlich aufhören, mich damit zu quälen. Das tat ich aber nicht, und trotzdem war ich nicht zufrieden mit der Note in der schriftlichen Prüfung.

Insofern ist dieser Spruch also richtig. Aber für das Berufliche gilt er nicht unbedingt. Man hat längst erkannt (und dafür teilweise viel Lehrgeld gezahlt!), daß ältere Arbeitnehmer nicht weniger leisten als jüngere. Was Letztere an neuen Ideen und Elan mitbringen, machen die Älteren mit ihrer Lebens- und Berufserfahrung und Weisheit mehr als wett. "Junge Leute können schneller laufen, aber die alten kennen die Abkürzungen" - das bringt es auf den Punkt.

In meinem jetzigen Beruf als Sozialbetreuer in einem Altenheim ist mein fortgeschrittenes Alter (62) sogar ein großer Vorteil. Zum einen deshalb, weil es erwiesenermaßen größere emotionale Fähigkeiten mit sich bringt - man kann sich besser in andere Menschen hineinfühlen. Und zum anderen, weil ich zwar für unsere Bewohner immer noch ein junger Mann bin (das ist eben relativ!), aber dennoch altersmäßig ihnen doch viel näher bin, als ich es als etwa Dreißgjähriger gewesen wäre. Wenn ich damals zu einer Neunzigjährigen gesagt hätte, was ich heute oft sage: "Frau X, wir werden halt alle nicht jünger!", dann hätte sich das doch sehr seltsam angehört.

Um nochmals auf den obigen Spruch zurückzukommen: Was mir daran gefällt, ist, daß uns Älteren Mut gemacht wird, kräftemäßig nicht mit jüngeren Leuten zu konkurrieren. Das können wir nicht, und das müssen wir auch nicht. Was mir daran mißfällt, ist die Unterstellung, wir seien nicht mehr leistungsfähig. Damit wären wir in unserer leistungsorientierten Gesellschaft mehr oder weniger wertlos. Aber das stimmt nicht, wie ich soeben nachgewiesen habe.

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