Samstag, 30. Mai 2015

Vergeben, aber nicht vergessen?

Der wiedergewählte FIFA-Präsident soll über seine Widersacher gesagt haben: "Ich vergebe allen, aber ich vergesse nicht." Was soll man davon halten?

Nun, in diesem Fall ist klar, daß er nicht wirklich vergibt. Durch die Blume sagt er, daß er nur auf eine gute Gelegenheit wartet, es diesen Leuten heimzuzahlen. Das ist schon deshalb klar, weil er sich immer wieder als absoluter Machtmensch erwiesen hat. Und für solche Leute gibt es nur zwei Arten von Menschen: diejenigen, die sich seiner Herrschaft unterwerfen, und diejenigen, die es nicht tun. Und Letztere bekämpfen sie bis aufs Messer.

Aber muß man wirklich immer nicht nur vergeben, sondern auch vergessen? Jein. Ja in dem Sinne, daß man nicht nachtragend sein darf, wenn man vergeben hat. Sonst hat man nämlich nicht wirklich vergeben. Nein in dem Sinne, daß ich das Unrecht, das man mir angetan hat, nicht aus meinem Gedächtnis ausradieren kann. Es ist wie eine Wunde, die Zeit braucht, um zu heilen. Und selbst, wenn sie verheilt ist, bleibt eine Narbe zurück.

Ich kann diesen Heilungsprozeß aber stören, indem ich den Schorf immer wieder abreiße, der sich bildet, oder sogar in der Wunde herumwühle, indem ich oft daran denke, was mir da Schlimmes angetan worden ist, und mich darüber aufrege. 

Tue ich das aber nicht, dann kann ich eines Tages ohne jede Bitterkeit und Groll daran zurückdenken. Dann ist es immer noch nicht vergessen, aber es hat erheblich an Bedeutung verloren. Und vor allem tut es nicht mehr weh. Deshalb ist Vergebung nicht nur eine christliche Pflicht, sondern auch etwas, was uns selbst sehr guttut. Unversöhnlichkeit schadet vor allem uns selbst.

Donnerstag, 14. Mai 2015

"Ich glaube nur, was ich sehe"

Diesen Satz habe ich schon des öfteren als Einwand gegen den christlichen Glauben gehört. Aber das läßt sich leicht, wenn auch ziemlich unhöflich, ad absurdum führen, indem man antwortet: "Dann zeigen Sie mir bitte mal Ihren Verstand."

Ernsthaft: Es ist eine bekannte Tatsache, daß man keinen unserer fünf Sinne so leicht in die Irre führen kann wie das Sehen. Man braucht nur mal nach dem Stichwort "optische Täuschungen" zu googlen, dann findet man jede Menge Beispiele dafür.

Darüber hinaus sehe ich seit ein paar Wochen ständig Dinge, die es nicht gibt. Nein, keine Sorge, ich habe keine Halluzinationen. Es handelt sich um Sehstörungen: Auf beiden Augen huschen ständig schwarze Gebilde wie kleine Haarbüschel durch mein Gesichtsfeld, wenn ich die Pupillen bewege. Man nennt das "mouches volantes" (französisch: "fliegende Fliegen"). Das hängt mit dem Glaskörper der Augen zusammen, und das werde ich wohl auch nicht mehr los. Aber ich bin dabei, mich daran zu gewöhnen. Jedenfalls führt mir das noch anschaulicher buchstäblich vor Augen, wie wenig ich mich auf das verlassen kann, was ich sehe.

Dabei bin ich ja noch sehr gut dran. Gestern habe ich eine blinde Frau im Rollstuhl zum Arzt gebracht. Sie hat mir buchstäblich blind vertraut, daß ich sie dorthin fahre und nicht womöglich ganz woanders hin. Dabei kannte sie mich noch gar nicht. Na gut, was blieb ihr auch anderes übrig mangels Alternativen?

Wir sind aber auch in anderen Situationen bereit, uns Menschen anvertrauen, obwohl wir schon oft von Mitmenschen getäuscht, betrogen und ausgenutzt worden sind. Wenn ich in ein Taxi steige und dem Fahrer sage, wohin er mich kutschieren soll, kann ich ihn kaum daran hindern, mich an einen ganz anderen Ort zu bringen. Ich muß ihm einfach vertrauen und habe das auch schon oft getan.

Warum fällt es dann so vielen Menschen so schwer, sich dem allmächtigen, allwissenden und allgegenwärtigen Gott anzuvertrauen, von dem die Bibel sagt, daß Er die Liebe in Person ist? Und der Seine Liebe zu uns bewiesen hat, indem Er Seinen einzigen und geliebten Sohn für unsere Schuld hat am Kreuz sterben lassen?