Samstag, 30. Mai 2015

Vergeben, aber nicht vergessen?

Der wiedergewählte FIFA-Präsident soll über seine Widersacher gesagt haben: "Ich vergebe allen, aber ich vergesse nicht." Was soll man davon halten?

Nun, in diesem Fall ist klar, daß er nicht wirklich vergibt. Durch die Blume sagt er, daß er nur auf eine gute Gelegenheit wartet, es diesen Leuten heimzuzahlen. Das ist schon deshalb klar, weil er sich immer wieder als absoluter Machtmensch erwiesen hat. Und für solche Leute gibt es nur zwei Arten von Menschen: diejenigen, die sich seiner Herrschaft unterwerfen, und diejenigen, die es nicht tun. Und Letztere bekämpfen sie bis aufs Messer.

Aber muß man wirklich immer nicht nur vergeben, sondern auch vergessen? Jein. Ja in dem Sinne, daß man nicht nachtragend sein darf, wenn man vergeben hat. Sonst hat man nämlich nicht wirklich vergeben. Nein in dem Sinne, daß ich das Unrecht, das man mir angetan hat, nicht aus meinem Gedächtnis ausradieren kann. Es ist wie eine Wunde, die Zeit braucht, um zu heilen. Und selbst, wenn sie verheilt ist, bleibt eine Narbe zurück.

Ich kann diesen Heilungsprozeß aber stören, indem ich den Schorf immer wieder abreiße, der sich bildet, oder sogar in der Wunde herumwühle, indem ich oft daran denke, was mir da Schlimmes angetan worden ist, und mich darüber aufrege. 

Tue ich das aber nicht, dann kann ich eines Tages ohne jede Bitterkeit und Groll daran zurückdenken. Dann ist es immer noch nicht vergessen, aber es hat erheblich an Bedeutung verloren. Und vor allem tut es nicht mehr weh. Deshalb ist Vergebung nicht nur eine christliche Pflicht, sondern auch etwas, was uns selbst sehr guttut. Unversöhnlichkeit schadet vor allem uns selbst.

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