Donnerstag, 6. August 2015

"Alles gut?"

Schon lange weiß man: Wenn man gefragt wird, wie es einem geht, bedeutet das noch lange nicht, daß der Fragende wirklich eine ehrliche Antwort hören will. Denn wenn man dazu ansetzt, ist er meist schon wieder weg. 

Noch extremer ist es ja im englischen Sprachraum. Die Frage "How do you do" oder "How are you?" ist nicht einmal mehr eine rhetorische Frage, sondern eine Grußformel, die mit genau denselben Worten beantwortet werden soll. Man stelle sich einmal vor: Zwei Männer begegnen einander. Fragt der eine: "Wie geht's Ihrer Frau?" Antwortet der andere: "Wie geht's Ihrer Frau?" Ja, geht's noch?

Zurück zu deutschen diesbezüglichen Gebräuchen. In letzter Zeit höre ich öfter die Frage "Alles gut?" Ließ die früher übliche Frage "Wie geht's?" wenigstens theoretisch noch eine detaillierte Antwort zu, bleibt einem hier nur noch ein Ja oder Nein. Erwartet wird aber natürlich erstere Antwort. Würde man "nein" sagen, dann würde der Fragende das wahrscheinlich gar nicht wahrnehmen, sondern allenfalls mit einem "Schönen Tag noch!" reagieren.

Die Umgangsformen werden immer oberflächlicher. Woran liegt das? Zum Einen wohl an dem zunehmenden Leistungsdruck und Streß in der Arbeitswelt, die ich in letzter Zeit höchst intensiv selbst erlebe. Da hat man gar keine Zeit, einem Kollegen ein wirklich offenes Ohr (geschweige denn Herz) zu leihen für sein Ergehen. Wir müssen schließlich alle weiterhetzen, um den immer mehr steigenden Erwartungen an uns als Arbeitnehmer einigermaßen gerecht zu werden.

Zum Anderen aber auch am übertriebenen Individualismus der westlichen Welt und dem Egozentrismus des Menschen der Postmoderne. Der interessiert sich letztlich und vor allem nur für eines: seine eigene Befindlichkeit.

Kann man solche Entwicklungen aufhalten oder gar rückgängig machen? Ja, natürlich - wenn man die Kraft hat, einen Tsunami aufzuhalten. Nein, man kann nur in seinem Umfeld Zeichen dagegen setzen. Nicht durch entsprechende Antworten auf solche gedankenlosen und unabsichtlich letztlich menschenverachtenden Phrasen. Sondern, indem man ein wirklich offenes Ohr und Herz hat für Kollegen und andere Mitmenschen, die in Not sind. Mittagspausen sind beispielsweise eine gute Gelegenheit dazu. 

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